Montag, 16. November 2009

Tour de Melange, Teil 2

Ich hatte es nach meiner letzten "Tour de Melange" angedroht - es würde nicht mein letzter Besuch in Wien bleiben. Und wenn man schon ausgerechnet im November Urlaub haben muss, dann doch lieber in einer größeren Stadt mit Räumlichkeiten, in denen man auch das nasskälteste Wetter ignorieren kann. Also ging es erneut an die Donau, um die systematische Abklapperung der Kaffeehäuser fortzusetzen. Allerdings werde ich mich nicht über die Qualität des Kaffees auslassen: Egal ob in elegantem Café oder verranzter Kneipe, kein Wiener war in der Lage, uns einen schlechten vorzusetzen.

Auch diesmal versuchten wir uns weitgehend um die touristisch belagerten Kaffeehäuser zu drücken, obwohl schon unser erster Fluchtort vor dem Nieselregen in der Standard-Einflugschneise liegt. Das Café Museum liegt in der Operngasse 7 und damit in Spuckweite vom Karlsplatz. Es wurde 1899 von Adolf Loos eingerichtet, was nicht erwähnenswert wäre, wenn man nicht vor einigen Jahren die Eingriffe der Dreißigerjahre wieder nivelliert hätte. Die alte, neue Einrichtung in sattem Grün hat zwar etliche Stammgäste vertrieben, liefert aber genau jene mondäne Note, wegen der man in Wien gerne wesentlich mehr Kafee konsumiert als sonst. Die Kuchenstücke aus der verlockende Auslage lassen sich ebenfalls bedenkenlos konsumieren. Gerade die unbeschrifteten halten Überraschungen bereit - wir landeten ungewollt bei einer ausgewogenen Mohntorte.


Die zweite Station wird dem Namen "Kaffeehaus" in der klassischen Vorstellung kaum gerecht. Schließlich ist das Café Teitelbaum im Jüdischen Museum, Dorotheergasse 11, eher eine kleine, schmucklose Bar mit sehr begrenztem Angebot. Für Tradition ist ja schon 50 m weiter das Hawelka zuständig. Laut Eigenwerbung wird im Teitelbaum, den "Falter" zitierend, der beste Kaffee der Stadt gereicht. Die Schokolade meiner Begleitung war angenehm kräftig, aber mit Sicherheit kein Maßstab. Mein aufgrund der seltenen Gelegenheit georderter türkischer Kaffee hingegen - im Kupferkesselchen über einer Flamme gesiedet, gesüßt und mit Kardamom gewürzt - stand meinem bisher besten in der Altstadt von L'viv tatsächlich in nichts nach.

Das Café Prückel liegt an der Ecke Stubenring/Dr.-Karl-Lueger-Platz, und somit in praktischer Nähe zum Museum für Angewandte Kunst. Wenn man im MAK, wie das dienstags möglich ist, bis 24 Uhr Thonet-Sessel und Geschirr der Wiener Werkstätte bestaunen will, sollte man sich gestärkt haben. Da eine Wiener Bekannte das Prückel als Lieblingsort pries, suchten wir dort mit ihr gemeinsam unser Heil. Stilistisch gehört es mit Sicherheit zu den angeranzteren Kaffeehäusern der Stadt. An die Jugendstil-Vergangenheit als "Café Lurion" erinnern nur noch Teile der Einrichtung, der Rest atmet deutlich den Hauch der 50er - und der zahlreichen Glimmstengel. Leser, Laptop-Klapperer und Bridge spielende Damengruppen suchen hier Schutz vor Touristen und Rush-Hour. Mit Rücksicht auf das Museumsprogramm verzichteten wir hier auf den gepriesenen Apfelstrudel und griffen zur Speisekarte. Das war ein Fehler, denn der mit Abstand granteligste Ober der besuchten Lokale servierte uns ein unspektakuläres, enorm fetthaltiges Rindsgulasch und eine Gemüsequiche, die ausschließlich aus Salz bestand. Vielleicht hat dieser Ringstraßen-Überlebende eine zweite Chance mit Apfelstrudel verdient.


Angeblich sollen ja Wiener Ober für ihre Unfreundlichkeit berühmt sein. Es gibt aber offensichtlich auch Nestbeschmutzer, zum Beispiel im Café Ritter an der Mariahilfer Straße 73 (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Café in Ottakring). Das hat 100 Jahre auf dem Buckel und möglicherweise nicht mehr viele vor sich, denn es steckt mitten im Insolvenzverfahren - der Hauseigentümer will das Traditionslokal mit frechen Mietforderungen rausekeln. Das wäre arg schade, denn diese Oase mitten im Kommerzgewimmel von Mariahilf vereint mit hohen Räumen, roten Sitzen, Marmortischen, reichem Mehlspeisenangebot und noch üppigerer Auswahl an Lesestoff sämtliche positiven Seiten eines Kaffeehauses alter Schule. Und man kann hier tatsächlich bei freundlichen Obern seine Melange bestellen und sich dann studenlang ungestört damit beschäftigen. Ich hoffe sehr, beim nächsten Besuch dort nicht vor vernagelten Türen zu stehen.

Aber wer von Kaffee spricht, soll von der Süßspeise nicht schweigen. So beantwortete mir die Kurkonditorei Oberlaa beispielsweise die Frage, was denn an den bunten, französischen Macarons so toll sein soll. Die ersten Test-Exemplare aus einer Leipziger Patisserie waren im Wesentlichen klebrig, ihre Wiener Brüder hingegen - nicht teurer und äußert liebevoll über den Tresen gereicht - wunderbar luftig und mit vielfältigen Aromen gesegnet. Auch an den übervollen Auslagen der Konditor-Kette Aida kamen wir nicht vorbei, was vor allem an den ästhetisch wertvollen Egon-Schiele-Pralinés gelegen haben dürfte. Die entpuppten sich zwar als aufgemotzte Dominosteine, ihre Kollegen (u.a. Pralinen mit Maronen, Kokos und Obstbrand) sorgten hingegen für manches lustvolle Stöhnen.


Auch die herzhaften Genüsse sollen nicht verschwiegen werden. Schließlich galt es, das größte Versäumnis des Frühsommers nachzuholen und endlich einen Heurigen zu besuchen. Der wahllos ausgewählte Heurigenschank "Zum Berger" in der Himmelstraße 19 zu Grinzing erwies sich als guter Griff. Seit 1713 wird dort in Lokal und Garten in rustikaler Atmosphäre das frisch Gekelterte ausgeschenkt. Den leicht prickelnden, weißen Jungwein gibt es dort traditionell im Viertelliter-Henkelglas. Überall lockte man mit Martinsgänsen, weshalb ich zumindest eine Gansl-Suppe versuchte. Die Brühe war ausgezeichnet, nur die Einlage rekrutierte sich vermutlich primär aus Resten der Bratenherstellung. Rundum begeisternd war hingegen das "Grinzinger Gröstel" aus gebratenen Kartoffelwürfeln und drei Sorten Fleisch, das kaum jemanden hungrig lassen dürfte. Seine vegetarische Version aus Kartoffelspalten, mittel- bis südeuropäischem Gemüse und reichlich Olivenöl für meine Begleitung hatte mit ihm nicht viel gemeinsam und hätte in dieser Form auch auf die Karte eines mediterranen Restaurants gepasst. Der hausgemachter Grinzinger Traubengeist als Absacker war die ideale Medizin gegen den aufkommenen Schnupfen.

Der trug auch die Mitschuld daran, dass die Geschmacksnerven am letzten Tag keine kulinarischen Höhenflüge verlangten. Aber für deftige, preiswerte Ernähung sorgen ja in Wien die Beisl, also die einfachen Wirtshäuser. Die von uns wiederum willkürlich gewählte "Alte Bäckerei" in der Josefstadt (Burggasse 29) lockte vor allem durch ihre wunderschöne Bäckerei-Fassade. Der Innenraum entpuppte sich allerdings als skurriles Sammelsurium aus Nostalgie-Wandbehang, Standard-Kneipenmöblierung, Dart & Kicker, Flachbildgeblinke und Radiobeschallung. Das Rindsgulasch stellte die Prückel-Version aber locker in den Schatten und auch das überbackene vegetarische Riesen-Brot (mit grüner Gurke!) kam definitiv nicht aus der Tiefkühltruhe. Erfreulich auch, dass selbst in einem Eck-Pub-Kneipen-Beisl der Kaffee auf dem Silbertablett inkl. Wasser kommt. Der warme Topfenstrudel dazu war etwas pappig, die Schoko-Haselnuss-Palatschinken wiederum einwandfrei.


Nicht allzu ausführlich will ich an dieser Stelle die verkosteten Biersorten bekritteln. Wieselburger, Stiegl, Gösser (abgefüllt & vom Fass) und Hirter (ebenfalls in beiden Varianten) sind grundsolide Getränke, die aber einen Freund der norddeutschen Herbheit nie in Extase treiben werden. Vielleicht tun das ja im Nachhinein die Mitbringsel im Handgepäck - Kaminwurzen, Tiroler Speck, Vogelbeergeist und Veltliner-Brand für die Zeit bis zum nächsten Wien-Ausflug. Definitiv wird dann das Buch "Das Wiener Kaffeehaus. Legende. Kultur. Atmosphäre" (erschienen 2007 im - kein Scherz! - Pichler Verlag) mein Begleiter sein. Dort findet man nämlich nicht nur literarisches Stilbewusstsein und erlesene Fotos, sondern auch den einen oder anderen Tipp, der in einschlägigen Touristenführern fehlt.

Mittwoch, 11. November 2009

Leserrezept: Königsberger Klopse II

Unser Rezeptvorschlag für Königberger Klopse stieß durchaus auf Kritik. Die nehme ich zur Kenntnis, bin aber nach wie vor der Meinung, dass man beim Kochen eine gewisse Freiheit bei den Zutaten erlaubt, nein: nötig ist. Es muss einfach schmecken. Wo wäre die Küche heute, hätten Köchinnen und Köche nicht immer wieder experimentiert? Die Antwort kann sich jeder selbst denken.

Auch unsere Leserin Frau W. aus dem schönen Kahlgrund im nördlichen Spessart fand unsere Zubereitung, nun ja, etwas grob. Ihr extrafeines Rezept, das sie mir freundlicherweise per E-Mail zuschickte, möchte ich niemandem vorenthalten. Vielen Dank dafür - wird demnächst nachgekocht.
Königsberger Klopse nach Kahlgrund-Art

Zutaten für vier Personen

500 g Kalbschnitzelfleisch
2 Eigelb
1 Liter klare Brühe (Gemüse, Huhn oder Kalb)
2 Brötchen ohne Rinde
20 Sardellenfilets
1 TL Zitronenschale
Muskat, Pfeffer, Salz

Für die Sauce
süße Sahne, Kapern nach Belieben (aber selbstredend von guter Qualität - hier folge ich uneingeschränkt der Empfehlung unserer Leserin) , Zitronensaft.

Zubereitung
Fleisch und die in etwas Milch eingeweichten Brötchen durch den Fleischwolf drehen (kleinste Scheibe), die Sardellenfilets in kleine Stücke schneiden und mit den Eiern und der Zitronenschale zusammen mit dem Fleisch vermischen. Würzen.

Die Brühe kochen, kleine Klößchen formen und in die nur leicht köchelnde Brühe legen (eventuell auf zweimal) und knapp 10 Minuten ZIEHEN lassen. WIRKLICH NUR ZIEHEN LASSEN.

1/4 Liter der Brühe mit der Sahne auf die Hälfte einkochen, Kapern rein und mit Salz und Zitronensaft würzen (nach Geschmack) dazu Reis.
Wunderbare Zutaten! Unseren LeserInnen sei aber ans Herz gelegt, bei solch guten Sachen die Glutamatbrühe aus dem Glas tunlichst zu meiden. Selbstgekochtes aus Gemüse, Kalb oder Suppenhuhn ist unbedingt vorzuziehen.

Allerdings würde ich gerne wissen, welche Sorte Sardellenfilets gemeint ist. Es gibt sie im Gläschen eingelegt in Öl oder Salz. Letztere halte ich für die geschmacklich besseren, allerdings müssen sie vor der Verarbeitung gut gewässert werden. Sonst dürften die Klopse ungenießbar salzig werden.

Zu ihren köstlichen Kalbshackbällchen empfielt unsere Leserin Frankenwein - was mich, wie vermutet, als Franke besonders freut - "einen Silvaner von Rainer Sauer, wahlweise die 'Alten Reben' vom Escherndorfer Lump." Laut Frau W. schmecken die feinen Tropfen auch zur Blut- und Leberwurst vom Blutwurstritter Benser aus Neukölln, den sie auf ihren Berlinreisen regelmäßig um ein paar seiner Delikatessen erleichtert.

Guten Appetit und Prost. Ich muss mir wirkich mal wieder eine Flasche Escherndorfer Lump besorgen, die gibt's bestimmt auch irgendwo in Berlin. Und wenn nicht: Herr Sauer schickt seinen Weißen auch in die Hauptstadt.

Samstag, 31. Oktober 2009

Nachtschwärmer willkommen - aber nur bis 22 Uhr

Ich war mal wieder in Fürth, bis vor kurzem noch "Stadt der Quelle", zum Klassentreffen wie alle paar Jahre. Es war ganz nett angelaufen, wir stellten uns auf einen fröhlichen Abend ein – erst was Schönes essen, dann mit Getränken weitermachen. Abschluss: Je nachdem, wie lange wir durchhalten würden. Dass das auf ein offenes Ende hinauslaufen würde, war bei einem runden Jubliäum eigentlich klar. Jedenfalls uns, die wir gut gelaunt am frühen Abend im Saporissimo, einem schicken Italiener ein paar Meter von der alten Schule entfernt, eintrudelten. Der Ort schien gut gewählt, trommelt doch der Betreiber auf seiner Webseite vollmundig:
„In lässiger, ungezwungener und zugleich faszinierender Atmosphäre ist das SAPORISSIMO Eventrestaurant & Cocktailbar der exklusive Anlaufpunkt für Feinschmecker, Barbesucher und Nachtschwärmer. Ein Ort der international ist und zugleich das Fürther Leben wiederspiegelt: Vielseitigkeit, Offenheit und stilvolle Lässigkeit. … Erleben Sie diese einzigartige Symbiose aus moderner italienischer Küche, Lounge-Bar und anspruchsvollem Clubbing.“
www.saporissimo.de/fuerth/index.php
Vielleicht kennt die Restaurantbesatzung ihre eigenen Werbephrasen nicht, oder sie sind ihnen einfach egal. Denn der Abend verlief ganz anders als der PR-Text verspricht.

Erste Überraschung: Es gab nur vier Gerichte auf der Karte. Zur Auswahl standen Pizza, Putenröllchen, Penne und Lachssteak. Weder Suppen, Vorspeisen oder gar Nachtisch gehörten zum Angebot. Eine Getränkekarte auf den Tischen fehlte. Die von Anfang an etwas gehetzt wirkenden Kellner (von wegen lässig) sammelten die Bestellungen so schnell wie möglich tischweise ein. Ich ließ mir 0,2 Liter vom roten Hauswein (> 4 Euro) bringen, dazu die Putenröllchen für 12,80 Euro. Die Portion war äußerst überschaubar, als Bestandteil eines viergängigen Menüs wäre sie als Fleischgang angemessen gewesen. Gerne half ich später einem alten Freund, seine normalgroße Schinkenmozzarella-Pizza zu bewältigen (sie war ok, aber nicht überwältigend, manche sagten, sie hätten nicht ganz durchgebackene Exemplare erhalten).

Einer meiner Mitschüler hätte als Sonderwunsch gerne ein paar Champignons auf dem belegten Fladen gehabt, doch weder die Kellner noch die Küche war dazu bereit. Warum ließ sich nicht erklären, denn Pilze waren da, die gehörten nämlich zu den Nudeln. Aber vielleicht hatte der Küchenchef die Champignons einzeln abgezählt, denn da war nichts zu machen: Pizza nur á la carte.

Nun hatten wir uns mit mehr als 40 Leuten angemeldet, ein recht gutes Geschäft war also zu erwarten, dazumal keiner gedachte, mit nur einem Wein oder Bier wieder nach Hause zu gehen. Aber dieses Geschäft schien die Kellnertruppe auch nicht weiter zu interessieren. Denn der Nachschub an Getränken traf nur schleppend ein, auf das Angebot für einen Grappa nach dem Essen oder einen Espresso wartete ich jedenfalls vergeblich. War das vielleicht die versprochene Lässigkeit? Dafür begann ab 21.30 Uhr (!) das Abkassieren. Sollten die drei Jungs etwa abgelöst werden, vielleicht von ein paar fixen Serviermaiden, um uns beim nostalgischen Austausch mit frischen Getränken zu unterstützen?

Nichts dergleichen: Man schließe um 22 Uhr, wurde uns lapidar mitgeteilt. Ungläubige Nachfrage, ob man denn nicht länger geöffnet lassen könne, dies sei schließlich ein bereits Wochen vorher angemeldetes Klassentreffen gewesen. Antwort: Das gehe nicht, keine Konzession. Aha, so sieht also ein Restaurant mit Cocktailbar aus, das sich ganz offiziell als Location für Nachtschwärmer empfiehlt. Wir waren übrigens bereits vorher die einzigen Gäste, faktisch also eine geschlossene Gesellschaft. Das Konzessionsargument war zumindest fraglich. Nichts zu machen: Kellner und Küche räumten auf.

Es gibt es nur eine Erklärung. Die Saporissimos hatten einfach keine Lust oder sie wollten noch auf die Fürther Kärwa. Und ganz offensichtlich konnten sie auch auf ein gutes Geschäft verzichten. All die schönen Versprechen auf der Webseite: an diesem Abend nur leeres Werbeblabla. Andere Restaurantbesucher vor uns waren allerdings auch nur mäßig begeistert gewesen.

Punkt 22 Uhr wurden wir also in die regendurchweichte Nacht hinausgejagt, dank I-Phone und Telefonkonsultationen hatten wir aber bereits einen gastlicheren Ort ausfindig gemacht, um die Feier fortzusetzen. Ein Einkaufszentrum am Rande der Fürther Südstadt ist vielleicht nicht der lauschigste Ort für ein Klassentreffen. Aber dort wurden wir im Caprese, alias PX Sportsbar, freudig und freundlich empfangen und bestens bedient, bis das Lokal (Pizzeria, Kneipe, Sportbar ein einem) gegen ein Uhr schloss. Fürth ist halt nicht Berlin, auch wenn dort ein Riesenvolksfest die Stadt in den Ausnahmezustand versetzt. Nach Mitternacht werden die Gesteige allmählich hochgeklappt.

Fazit: Peinliche Gastronomieleistung(sverweigerung) und mangelnde Flexibilität beim Edelitaliener – trotzdem tolles Klassentreffen. Andere Wirte in Fürth, wie die des Caprese, verstehen ihr Geschäft

Saporissimo
Im Südstadtpark, Grüne Halle
Krautheimerstraße 11
90763 Fürth
www.saporissimo.de/fuerth/

Caprese
Auf dem Gelände des ehemaligen PX/Commisionary
Waldstraße 105
90763 Fürth
www.caprese-pizza.de

Samstag, 24. Oktober 2009

Uwe, schaff' die Fische ran!

Uwes Fischerhütte mit FischbrötchenschildUnd ewig lockt die Fischsemmel.

Drei knusprig gebratene Heringe, drei kleine Schollen, und wir hatten endlich unseren Fischimbiss. Wurde auch Zeit. Seit Ankunft auf Usedom fantasierte Wasabi von einem Fischbrötchen, konnte sich aber kein einziges Mal für eines der angebotenen Modelle entscheiden. Immer nur Matjes (im Herbst!), Bismarck und Räucherlachs verlockten nicht. Und so recht befriedigend sind die belegten Semmeln sowieso nicht: Kaum ist der letzte Bissen geschluckt, hat man man schon wieder Hunger. „Da esse ich mich ja hungrig“, pflegte eine Freundin in so einem Fall zu sagen. Die bezeichnet Sülze aber auch als Großvaterfutter.

Die Erlösung brachte Uwe's Fischerhütte in Ahlbeck. Angeblich holt Uwe selbst aus dem Wasser, was er seinen Gästen kredenzt. Das ließ uns sogar über den doofen Apostroph im Namen hinwegsehen. Das tägliche Angebot richtet sich laut Speisekarte „nach Fang“. An diesem Tag war Uwe offenbar mit vollen Netzen von der Ostsee zurückgekehrt. Jedenfalls balancierten die Serviererinnen eindrucksvolle Teller voller Meeresgetier durch die Gaststube. Dieser Anblick überzeugte uns endgültig, und wir fanden auch noch zwei Plätzchen mit Strandblick.

Drei kleine Schollen gebratenKleine Grätenwunder, diese Ostseeschollchen. Aber der Geschmack macht alles wett.

Sehr gut gefiel mir die nordisch-wortkarge Kellnerin, die mit einem knappen, aber freundlichen „Ausgewählt?“ die Bestellung aufnahm. Nach einer angemessenen Zubereitungszeit brachte sie zwei schöne Teller, beladen mit frischgebratenem Hering (8 Euro) und „Kutterscholle“ (8,50 Euro) in Pommerscher Soße (süß-sauer abgeschmeckte braune Mehlsoße), knusprigen Bratkartoffeln und einem Schlag Krautsalat. Kleiner Wermutstropfen: die Getränkepreise. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen verkaufen Gastronomen ihre alkoholfreie Getränke häufig teurer als Bier. Die Fischerhütte macht hier keine Ausnahme. Eine große Apfelschorle kostet mit 3,50 Euro (immerhin ein halber Liter) mehr als ein Bier gleichen Volumens.

Drei Heringe gebratenKnusper, knusper. Heringe sind viel zu köstlich, um sie zu Futterpellets für Zuchtlachs zu verarbeiten.

Ich musste dann noch echtes Bedauern über unsere lieben Freundinnen A. und N. aussprechen. Diese wurden in ihrer Jugend vielleicht mit müffeligem Hering gefüttert (ich kann das nur vermuten), bis heute können beide mit Fisch nichts anfangen. Bei Uwe sollten sie es nochmal probieren: Frisch, solide zubereitet – dann klappts auch mit dem Hering. Ach ja: belegte Brötchen gibt es auch. Aber die brauchten wir jetzt ja nicht mehr.

Uwe's Fischerhütte
Dünenstraße 52
17419 Seebad Ahlbeck (Insel Usedom)

Dienstag, 20. Oktober 2009

Kleine Kostbarkeit

Pfefferminzbonbon"Noch ein kleines Pfefferminzpastillchen?" "Ne, nicht so kurz vor dem Ersten. Da ist mein Konto leer"

Kürzlich kaufte ich mir eine kleine Süßigkeit zum Kilogramm-Preis von sage und schreibe 150 Euro. Nein, bei der Luxusleckerei handelt es sich nicht um kostbare Pralinen, gefüllt mit 100 Jahre altem Weinbrand. Es waren ganz gewöhnliche vollsynthetische Pfefferminz-Bonbons aus der Hexenküche der Lebensmittelindustrie, die sich als meine bisher teuersten Luxuspastillen entpuppten. Die dreieckigen Zungenschmeichler mit dem schönen Namen Smint(R) liegen gerne griffbereit an Supermarktkassen, zum tut-nicht-weh-Preis von rund 1,20 Euro. Dafür erhält man ein schickes grünes Döschen mit 40 Dragees, die sich insgesamt auf acht Gramm summieren - 0,2 Gramm pro Stück zu drei Eurocent.

Es wird ja auch über die Pharmaindustrie und ihre teuren Pillchen geschimpft. Aber zumindest hilft das Zeugs gegen allerlei Wehwehchen und Gebrechen. Da relativieren sich die paar Euros für einen rezeptfreien Schmerzblocker. Die Smints hingegen hinterlassen im Mund nur ein bisschen süßes Pfefferminzaroma ("Frische & Zahnpflege" laut Etikett - ich wusste gar nicht, dass Lutschen die Zähne pflegt ). 150 Euro: das sind ein paar Flaschen vom guten Cognac, Grappa, Whisky oder eine Kiste sehr anständiger Wein. Oder knapp drei Monatskarten für die BVG.

Nun gut, kein Mensch mümmelt 1000 Gramm Stück Pfefferminz, aber 100 Gramm sind durchaus realistisch. Das wären dann 12,5 Döschen Smint zum Endverbraucherpreis von 15 Euro. Dafür erhalten wir: künstliches Aroma (billig!), hydrogenisiertes Baumwollöl (billig!), bisschen Maltodextrin (billig!) und künstlichen Süßstoff. Ähnliche Gewinnspannen dürften nur noch bei Druckertinte und Edel-Wimperntusche drin sein. Wer also zwölf Mal dem Griff zum grünen Döschen wiedersteht, kann stattdessen sich und einem lieben Menschen zwei schöne Rumpsteaks braten.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Königsberger Klopse aka Albondigas Alemanas

Königsberger Klopse Kaliningrader FleischbällchenLos tapas alemanas mas gustas (Kann nicht so richtig Spanisch, deshalb glaube ich, dass es "Die schmackhaftesten deutschen Tapas" heißt.)

Ich bin immer wieder verblüfft, wie sehr die deutsche Küche im Prinzip der spanischen ähnelt. Ja ehrlich, ich schreib hier keinen Mist. Zum Beispiel der Endsalada Rusa - der russische Salat. Eigentlich nur ein Kartoffelsalat mit Mayonaise, Möhren und Erbsen. Ein ordentlicher deutscher Kartoffelsalat mit Speckstückchen und Gurken kann da locker mithalten (bitte nur nicht aus dem Eimer!). Zum Beispiel Bocadillos: Nix anderes als belegte Brote. Ein richtig gutes Sauerteigbrot (natürlich mit Butter, nicht mit Margarine) mit ordentlich Schinken oder Käse drauf, dazu ein bisschen Senf oder ein Klecks Remoulade und ein paar Gurkenscheibchen: Super!. Zum Beispiel: Chorizo. Ich sag nur Nürnberger Bratwurst oder richtig gute Mettenden: zum Fingerlecken. Nicht spanisch, aber uneingeschränkt häppchentauglich.

Und jetzt kommen wir zum Beispiel, auf das dieses Artikelchen die ganze Zeit zusteuert: Hackfleischbällchen. In Spanien heißen sie Albondigas und sie werden in Tomatensoße als Tapa gereicht. Hierzulande kommen sie in einer hellen Soße mit Kapern und werden nach einer Stadt genannt, die heute Kaliningrad heißt. Dennoch werden sie noch immer Königsberger Klopse genannt, ein meines Erachtens höchst unterschätztes Gericht. Sofern es nicht aus der Dose kommt oder mit Fertigsoßen aus der Tüte angerührt wird. Die Klopse schmecken toll mit Reis oder Kartoffeln, als Hauptgericht oder eben als kleiner Happen zwischendurch.

Zwei bis vier Stück, dazu ein knuspriges Brot, ein Gläschen Bier oder ein leichter Weißwein. Wow! In der Cafeteria eines bekannten skandinavischen Möbelhauses dürften sie nicht ohne Grund zum Dauerangebot gehören. Dort heißen sie dann Köttbullar (Schöttbullar ausgesprochen) und werden ohne Kapern, aber mit Preiselbeeren serviert.

Tipp:
Am besten schmecken sie mir aufgewärmt. Wenn sie über Nacht in einem geschlossen Gefäß im Kühlschrank in der Soße durchziehen. Dann sind sie richtig schön durchgesoßt. Wasabi findet die Klopse ja nicht so aufregend, obwohl sie die Pfanne voller Bällchen zubereitet hat. Aber ich, als Kind mit hervorragend zubereiteter deutscher Hausmannskost aufgewachsen, sage: da hat sie unrecht.

Selbermachen:
Königsberger Klopse nach Eugenie Erlewein (Originalrezept, S. 491, Kapitel "Heimatliche Spezialgerichte", Abteilung "Aus dem früheren Ostpreußen")
250g gehacktes Schweinefleisch
250g gehacktes Rindfleisch
1/8 Liter Wasser
1/8 Liter geriebene Semmeln
1 Ei
2 gestrichene Teelöffel Salz [steht im Rezept, wir salzen immer nach Geschmackl!]
1 geriebene Zwiebel
1 EL geschmolzene Butter

3/4 Liter Wasser
Salz
1 Lorbeerblatt

40g Fett
40g Mehl
1/2 Liter Brühe

[Zusätzlich: (fehlt bei Erlewein) Zitronensaft, Kapern, süße Sahne]

Das Fleisch wird mit allen Zutaten gut vermischt, man formt gleichmäßig große Klöße, gibt sie in das kochende Wasser und lässt sie 1/2 Stunde garziehen (gleichmäßig kochen), nimmt die Klopse dann heraus, macht eine helle Mehlschwitze, die man mit der Brühe auffüllt, schmeckt die Suppe mit Zitrone und Kapern ab und gibt zum Schluß etwas Sahne (Rahm) oder Buttermilch hinein. Die Klopse legt man in eine Schüssel und gibt die fertige Soße darüber.
Soweit die gute Eugenie. Wasabi hat mir freundlicherweise ihre Zubereitung bzw. Abwandlung des Rezeptes aufgeschrieben:

"Ich habe genommen: für die Klöße 400g gemischtes Hack und 1/2 Brötchen, in Milch eingeweicht und nur ganz leicht ausgedrückt, sicherlich weniger Salz, kein Wasser, keine Butter. 1 Ei, 1 kleine Zwiebel in ganz kleinen Würfeln. In den Kochsud außer Lorbeerblatt und Salz noch 2 Pimentkörner. Klopse in das leicht kochende Wasser geben. Wenig (zu wenig?) Mehlschwitze, mit Kochbrühe auffüllen, mit Zitronensaft und Kapernsud abschmecken, mehr als ein bißchen Sahne dazu (etwa 1/4 Becher - 50ml), und natürlich Kapern."

Mehr Mehlschwitze kann mehr Flüssigkeit binden, ergibt also mehr Soße. Viel Spaß beim Ausprobieren und Genießen dieses altmodischen Leckerlies.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Schmatzi, Guti, Feini

sagte einer meiner früheren Lehrer, wenn er Wohligkeit und Genuss beschreiben wollte. Gestern ertappte ich mich dabei, wie ich leise diese Wortfolge vor mich hinmurmelte. Anlass war diese Bratwurstsemmel. Nach einer längeren Bahnfahrt führte mich mein erster Weg nach der Ankunft am Nürnberger Hauptbahnhof zum Metzgerstand in der "Schlemmerpassage". Für etwas über 2 Euro bekam ich "Drei im Weggla" in die Hand gedrückt.

Bratwurstsemmel Drei im Weggla Nürnberger BratwurstSuchtmittel auf Schweinefleischbasis - in Berlin leider nicht einmal beim Blutwurstritter in Neukölln zu bekommen. Aber der ist bekanntlich auch Thüringer.

Zugegeben: die Semmel hätte noch ein bisschen Farbe vertragen können, die drei Nürnberger vom Holzkohlengrill waren dafür umso herrlicher. Wie sehr ich doch die frische "Fränkische" in Berlin vermisse! Es gibt die niedichen fingerlangen Würste natürlich abgegepackt und vorgebrüht bei fast jedem Discounter, der Geschmack ist auch ganz ordentlich. Aber ganz ehrlich: frisch ist sie am Besten und vom Grill fast unschlagbar.

Blutwurst im Teigmantel - Boudin Noir"Monsieur Boudin, parlez vous allemand?" "Non, pas de tout."

Mit vorerst gestilltem Appetit traf ich kurz darauf in Fürth ein, und ich musste überrascht feststellen, dass dort die Kärwa/Kerwa - oder in Standarddeutsch: Kirchweih - tobte. Wie konnte ich das vergessen. Aber während alle Welt endlos über das Oktoberfest in München redet, schreibt und filmt, ist die Fürther Michaeliskirchweih außerhalb der Region kaum bekannt. Vielleicht weil sie zu gefühlten 80 Prozent aus Fress- und Trinkständen besteht, Bierzelte und Blaskapellen aber wunderbarer Weise nicht zum Bestand gehören.

Weit kam ich nicht auf meinem Weg vom Bahnhof; er endete an einem einladenden Restaurantzelt. Seine Existenz verdankte es augenscheinlich der französisch-fränkischen Städtepartnerschaft von Limoges und Fürth. Das verheißungsvolle Angebot: Confit de Canard, Meeresfrüchtetöpfchen, falsches Filet vom Limousinrind und Blutwurst im Teigmantel. Ich entschied mich für letztere (8 Euro), wurde aber nach einem verheißungsvollen Gläschen weißen Bergerac (2 Euro) nicht ganz glücklich damit. Das als Beilage gereichte Kartoffelpüree war zwar hervorragend, die Wurst jedoch bei geschmacklicher Gefälligkeit nicht richtig heiß und der umgebende Teig eher überflüssig als genussfördernd. Da fällt mir ein: Wasabi und ich müssen mal wieder zur Rixdorfer Blutwurstmanufaktur. Es wird wieder Zeit für Herrn Bensers Darmlinge, serviert mit gebratenen Zwiebelringen und warmen Apfelschnitzen.

Super-GemüsehobelDer Wunderhobel, den ich wieder nicht gekauft habe.

Traditionell ergänzt das bunte Sortiment der aus allen Himmelsrichtungen angereisten Marktschreiergilde das Fürther Mampfangebot. Dort findet frau/man Pfannen, die sich hervorragend für Spiegeleier eignen, aber auch ohne weiteres die Hüllen interstellarer Raumschiffe strahlensicher machen könnten. Neben weniger aufregenden Dingen, wie Wunderreinigern und feuerfester Lackpolitur, bestaunte das Publikum selbstverständlich auch den obligatorischen Supergemüsehobel. Was passiert eigentlich mit den Obsthalden und Gemüsebergen, die hier zwei Wochen lang, vom frühen Nachmittag bis in den Abend hinein, kleingeschnipselt werden? Müll, Tierfutter, Selbstversorgung?

Kärwa auf griechischDa wird der Grieche fränkisch.

Wenn die Fürther Kirchweih feiern, dann sind die Wirtshäuser entlang der Festmeile mit dabei. Mit speziellen Angeboten, versteht sich. Egal ob Pizzeria, Bierschwemme oder alteingesessener Grieche. Dieser deklarierte kurzerhand die Souflaki-/Giroskombi zum "Kärwa-Teller" um, dazu das passende Festbier. Ein original Fürther Festmahl, richtig schön urig-fränkisch: "A schäiner Sufflaggidellä middamm Zaaziggi unndamm gscheidn Salood." Mahlzeit und Prost.

Kartoffelpuffer Baggersstand mit MenschenschlangeFür einen ordentlichen Reibekuchen steh' ich stundenlang.

Mit einem fränkischen Gericht fing es an, mit einem ehrbaren und treudeutschen Imbiss soll dieser kleine fränkische Streifzug enden. Der Baggers-Stand trotzt übrigens seit Urzeiten allen Essmoden; so lange ich denken kann, steht die Bude an der immer der gleichen Stelle. Dass die fettigen Fladen aus Kartoffeln (hier auch: Ebbien, Botaggn) für lange Schlangen sorgen, habe ich bisher nur einmal erlebt, und das war in der Leipziger Mensa. Aber dort war das Essensangebot auch deutlich weniger abwechlsungsreich als auf einem fränkischen Volksfest. Ach ja: andernorts heißen die "rohen Baggers" auch Kartoffelpuffer oder Reibekuchen. Oder gibts da am Ende auch noch andere Namen? Bratwurstsemmeln waren übrigens auch reichlich im Angebot, und die Fürther Fleischer stehen den Nürnbergern in der Wurstmacherkunst bestimmt nicht nach. Aber bekanntlich soll man es nicht übertreiben. Morgen ist auch noch ein Tag...

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Selbsttest Dosenkost: „Spaghetti“ in „Tomaten“soße

Man wundert sich ja schon, was Leute im Supermarkt so alles aufs Band packen. Beispiel: Schnitzelstücke aus dem Sonderangebot, daneben die Tüten eines bekannten Fertiggerichtherstellers. Dann werden am Abend Jägerrahmschnitzel kredenzt. Nudeln, Reibekäse, Tüte: das wird vermutlich ein überbackener Nudelauflauf. Die armen Menschen, denke ich mir dann, haben keinen Rahm zuhause, weder Pfeffer noch Salz, auch keinen Fond und kein Eigelb zum Legieren, nicht mal ein Löffelchen Stärke. Selbst Schalotten oder eine schnöde Zwiebel für den Geschmack und Weißwein zum Ablöschen des Bratensatzes fehlen.

Fertiggericht Spaghetti TomatensosseEin Hauch von Italien: Zypressen und ein leckeres Nudelgericht. Da bekommt man doch Appetit!

Aber die Tütenkocher sind noch gut dran. Jedenfalls verglichen mit dem, was sich Menschen mit Dosenbilliggerichten antun. Als ich eines Tages vor einem Konservenstapel stand, wollte ich es wissen. Ich startete einen Selbstversuch mit einem Gericht, das laut Etikett „Spaghetti in Tomatensoße“ darstellen soll.

Vorab: es ist mir unbegreiflich, warum jemand so etwas mehr als einmal freiwillig isst. Doch es scheint in diesem Land tausende von Menschen zu geben, die regelmäßig zu Dosen wie dieser greifen. Warum sonst sollten Lebensmittelsupermärkte und Discounter ganze Regalmeter damit füllen und das bei einem relativ geringen Preis, der kaum Gewinne verspricht. Relativ deshalb, weil, wie wir bald sehen werden, die Zutaten derart billig sind (Wasser, Zucker, Salz, Stärke), dass dieser Seim im Grunde heillos überteuert ist.

So liebe(r) Leser(in) – du musst jetzt ganz stark sein. Denn wir beginnen mit den Inhaltsstoffen. Dem Etikett entnehme ich, dass der Inhalt zu drei Vierteln aus Soße besteht.
Zutatenliste DosengerichtMamma mia! Wusste gar nicht, dass Guar und Glutamat zu den Grundzutaten italienischer Küche gehören.

Hauptbestandteil ist Wasser. Wasser ist billig. Für 1000 Liter sind in Berlin derzeit um die fünf Euro zu zahlen. Das reicht für deutlich mehr als 1000 solcher Dosen. Dann ist ein bisschen Tomatenmark beigemischt und - ebenfalls sehr billig zu haben - Zucker und Salz in nicht weiter erläuterten Mengen. Aroma und Gewürze sind angeblich auch drin, aber wohl nicht genug, um nennenswert Geschmack zu erzeugen. Deshalb brauchen wir Glutamat. Wofür das Säuerungsmittel ist, erschließt sich nicht sofort. Aber vielleicht soll damit die Süße des Zuckers gemildert werden. Denn damit diese Mixtur dann nicht gar zu suppig daherkommt, hat der Hersteller Guarkernmehl dazugegeben – ein Stoff der schon in kleinen Dosen jede Menge Wasser binden kann. Leider neigt Guar zum Gelieren, verhindert werden kann das wieder mit Zucker.

Dose geöffnetAha! Und wo sind die Spaghetti?

Nur ein Viertel der Konserve besteht aus Nudeln – wenn ich Spaghetti selbst zubereite, habe ich immer deutlich mehr Pasta als Soße auf dem Teller. Nur so nebenbei bemerkt.

Die Nudeln bestehen aus Wasser, Hartweizen, Eiweiß (in dieser Reihenfolge). Wir erinnern uns: Wasser ist billig. Das Eiweiß hält den wässrigen Teig zusammen; für eine echte Eiernudel hat es aber nicht gereicht, es fehlt das Eigelb. Kein Wunder, dass unter dem Weißblechdeckel recht blasse Fädchen zum Vorschein kommen.

Der Anblick ist durchaus nicht erfreulich: eine glibberig glänzende rote Masse mit weißen Würmern. Ein süßlicher, an Karamel erinnernder Geruch steigt auf. Kein Rosmarin, kein Oregano. Kein Duft von Knoblauch und Tomaten.

Gleich dünnflüssiger Lava gleitet die Masse in den Topf; auf kleiner Flamme vorsichtig erhitzt, ist sie nach ein paar Minuten warm. Der amorphe Zustand ist erstaunlich stabil, auch auf dem Teller glänzt dank der Stärke die Oberfläche wie lackiert. Kein schöner Anblick.

Dosenspaghetti auf dem TellerSind Spaghetti nicht so lange Nudeln, die man auf die Gabel aufrollt? Diese Dinger kann man nur mit dem Löffel essen.

Wer A sagt, muss auch B sagen. Ich nehme den ersten Löffel, trotz meiner Vorahnungen bin ich überrascht. Und zwar über diese unglaubliche Geschmacksarmut. Das Süße dominiert neben dem Salzigen, darüber liegt ein Hauch wie von Malz oder angebranntem Karamell, eine eigenartig brandig dumpfe Anmutung. Selbst wenn die Gewürze neben dem angeblich enthaltenen Rosmarin namentlich genannt wären – ich könnte sie nicht herausschmecken. Was steuert eigentlich das Tomatenmark bei, außer der roten Farbe? Die Nudeln sind nicht mehr als Füllmaterial. Wie ihre Farbe, so der Geschmack: nicht vorhanden.

Weshalb isst man, wenn man schon keinen Genuss am Essen findet? Weil man Hunger hat. Der kommt aber nach diesem Gericht sehr bald zurück, wenn man Pech hat, schlimmer als zuvor. Mein Magen ist erstmal gut gefüllt, kein Wunder bei der ganzen Flüssigkeit. Aber die absorbiert der Körper innerhalb kurzer Zeit. Von dem ganzen Zucker angeregt, pumpt die Bauchspeicheldrüse ordentlich Insulin ins Blut. Leider aber trifft es auf nichts von Substanz, denn die paar Nudeln sind schneller verdaut, als meine Körper die Insulinproduktion drosseln kann.

Eine halbe Stunde nach dem Festmahl – die meiste Soße habe ich sowieso auf dem Teller gelassen – muss ich mir erstmal ein Butterbrot schmieren. Um den dumpfen Geschmack loszuwerden und das leere Gefühl im Bauch zu bekämpfen.

Fazit: Erster und letzter Versuch. Ekelhaft.

Freitag, 25. September 2009

Kein Bier vor Sechs! Außer es kommt aus Oberfranken

Hummelbräu aus Merkendorf in Oberfranken. Lecker!Fränkisches Bier auf einem Berliner Balkon: Leider immer noch eine Seltenheit.

Es soll ja Leute geben, die brauchen schon zum Frühstück ein schönes Pils, damit sich das Zittern legt. Da ich mich ungern zu dieser Gruppe gesellen möchte (die Folgen von Alkoholernährung konnten wir lange Zeit am Publikum der kleinen Kneipe unter unserer Wohnung studieren), vermeide ich gewohnheitsmäßiges Biertrinken.

Aber manchmal geht der Franke in mir dann doch durch. Neulich zum Beispiel schenkte ich mir Punkt 16 Uhr ein Kellerbier der Hummel-Bräu aus Merkendorf bei Bamberg ein. 16.12 Uhr war die Flasche leider schon wieder leer. Der Inhalt, ein natürtrübes, äußerst vollmundig süffiges Vollbier, hatte vollständig in meinen Körper übergewechselt.

Ich frage mich, ja, ich frage mich: warum können sie in Oberfranken Biere brauen, die alle anders, aber (fast) alle hervorragend schmecken und kaum Geld kosten. Nebenbei bemerkt: die übliche Großbrauereiware kann da in der Regel geschmacklich nicht einmal annähernd mithalten. In Berlin laufen solche Biere anscheinend als Feinkost, anders kann ich mir die hiesige Preisgestaltung nicht erklären.

Wie es dieser Stoff bis Berlin geschafft hat, kann ich nur vermuten. Vermutlich per Direktimport im Kofferraum eines Privatautos oder Lieferwagens. Das würde den Preis plausibel machen, den ich für eine Flasche dieses köstlichen Gesöffs am Winterfeldtmarkt bezahlte: zwei Euro. Für Berlin zugegebenermaßen nicht wirklich teuer, wo einem in den Bars für eine Flasche Augustiner (ohne Glas, immerhin geöffnet) um die drei Euronen abgeknöpft werden.

Die Wirtshausbrauerei Hummel verlangt übrigens für einen Kasten Kellerbier 10,80 Euro, 54 Cent für den halben Liter. In der Gastwirtschaft dürften es nicht mehr als 2,20 bis 2,50 für eine frische Halbe vom Fass sein. Eigentlich aber bin ich ganz froh, dass ich solche Leckereien in Berlin nur selten finde. Das erhöht mit Sicherheit den Genuss. Denn ich bin mir nicht sicher, ob der Merkendorfer sich bewusst ist, welche Delikatesse er in seinem Wirtshaus gezapft bekommt, wenn er ein Bier bestellt.

Montag, 21. September 2009

Nicht mal die S-Bahn kann einem die Lanzhou-Nudeln vermiesen

Sie wissen nichts von den S-Bahnproblemen dieser Welt. Die Fische im schönsten mir bekannten Restaurantaquarium sind nicht zum Essen da.

Das Berliner S-Bahndesaster hat einige sehr unangenehme Begleiterscheinungen. Nämlich unangenehm verlängerte Fahrtzeiten zur China-Fressmeile Nr.1 in der Kantstraße. Schon mit funktionierender S-Bahn war die Anfahrt recht länglich, mit Bus und U-Bahn muss man noch etliche Minütchen mehr bis Charlottenburg einplanen.

Trotzdem: es war dringend an der Zeit, dem Selig wieder einen kleinen Besuch abzustatten. Solche Perlen darf man auf keinen Fall vernachlässigen. Nicht, dass uns wie mit der Goldenen Schildkröte ergeht, was überaus traurig wäre. Über die ausgezeichnete nordchinesische Nudelküche muss ich nichts schreiben, den Blogberichten von Nimmersatt und Drymartini ist in dieser Hinsicht nichts mehr hinzuzufügen.
Selig - Schweinefleisch süßsauer leicht scharf und Nudeln
Und so will ich berichten, dass wir auf der Rückreise von einem Zitadellenbesuch in Spandau - weil wir eh schon in der Nähe waren - einen Zwischenstopp mit der U7 in der Wilmersdorfer Straße einlegten, hundertfünfzig Meter ins Selig marschierten und uns zwei köstliche Gerichte mit sichtbar handgemachten Nudeln einverleibten.

Selig Huhn und Nudeln Die Fische durften uns diesmal nicht über die Schulter kibitzen, wir saßen bei herrlichem Spätsommerwetter an einem der Tischchen im Freien. Wasabi stürzte sich auf ihre Hühnchenstücke mit Brokkoli, Paprika, Pilzen, und Kartoffelwürfeln (Nr. 14), ich genoß meine Nudeln mit Schweinefleischstreifen in einer leicht süßsauren Soße (Nr. 15, oben). Die beiden Gerichte sehen zwar ähnlich aus, schmecken aber absolut verschieden. Köstlich sind sie beide. Übrigens: wenn man die üppige Portion (jeweils 8,50 Euro) nicht bewältigen kann, packt die überaus freundliche Bedienung sie einem auch transportgerecht ein.

Selig
Kantstr. 51
10625 Berlin
(kein Geheimtipp!)

Samstag, 19. September 2009

La Siesta gegen Kantinenkoller

Der S-Bahnhof Hackescher Markt ist eine echte Grenze: Nördlich davon tobt das Leben, reiht sich eine Gastwirtschaft an die andere, Straßenmusikanten nerven je nach Profession mehr oder weniger, BettlerInnen und Tierschutzvereinswerber gehen ihrem Tagwerk nach. Dazwischen drängen sich Touristen aller Zungen auf der Suche nach den Hackeschen Höfen oder sind unterwegs Richtung Alte Schönhauser Straße.

Die Südseite des Bahnhofs ist dagegen nahezu verwaist. Trambahnen kreuzen im Fünfminutentakt einen kleinen Platz und Menschen mit Stadtplänen suchen den Weg zur Museumsinsel. Am Garnisonkirchplatz (richtig, ohne s) gibt es zwar keine Kirche, aber das La Siesta. Hier gehe ich hin, wenn ich das Kantinenessen nicht mehr sehen kann, keine Bentobox dabei habe oder einfach nur in der Mittagspause die Büroluft aus der Lunge bekommen möchte.,

BonuskarteFünf Kaffee oder fünf Ciabatta, und die Siestadamen spendieren eine "Kaffeespezialität". Ich besitze bestimmt schon vier Bonuskarten, weil ich sie natürlich immer vergesse mitzunehmen.

Für wenig Geld (zwischen 3,50 und 4 Euro) bekommt man dort nette Suppen und andere Kleingerichte. Alles ist ordentlich gemacht - wo die Sachen herkommen, vermag ich nicht zu sagen. Eine Küche habe ich noch nicht entdeckt. Die unaussprechliche indische Suppe mit viel Curry, treudeutscher Kartoffeleintopf mit Würstchen, mediterraner Nudelsalat (der jetzt mit zwei R geschrieben ist) gehen hier fix über die Theke. Mein Favorit: Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Der Service ist nur erstklassig zu nennen: freundlich, schnell und immer ein nettes Wort für die Gäste: ich mag den Laden wirklich gerne.

Bücherregal Lesehunger ẃird auch gestillt.

Sobald das Wetter es zulässt, kann man draußen unter uralten Eichen und Kastanien sitzen. Dort sehe ich den Straßenbahnen beim Um-die-Ecke-fahren zu, während ich nach dem Imbiss noch einen erstklassigen Espresso oder Cappuccino genieße. Und wer das Frühstück verpasst hat, bekommt gut gemachte belegte Ciabattas, die im Plattengrill noch schnell überbacken werden.

Drinnen ist es auch ganz nett. Wer auf Arbeit nicht zum Lesen kommt, findet am Stehtisch Lesestoff. Ich frage mich nur immer: wer sind die Menschen in Anzügen und Kostümen, die das Siesta immer belagern und vor allem im Winter für argen Platzmangel im Gastraum sorgen.

La Siesta
Garnisonkirchplatz 2
10178 Berlin
Mo-Fr. Ab 8 Uhr geöffnet.
Abends geschlossen.

Mittwoch, 9. September 2009

Die schwarze Sonne backt ohne Schatten

Peinlich, peinlich, was sich die Berliner Zeitung diese Woche in der Montagssausgabe geleistet hat. Im Vermischten prangt schön mittig ein riesiger Artikel über die Münchner Hofpfisterei. Die Überschrift "Warten auf die schwarze Sonne" kitzelt einen durchaus zum Weiterlesen.

Breze und BauernbrotKann durchaus zu Begeisterung hinreißen: Breze und Brot einer bekannten Münchner Bäckerkette.

Also lese ich und verfalle schon nach wenigen Zeilen in zartes Schaudern. Jubelt uns Autor Thomas Schuler hier ein PR-Artikelchen unter? Die Werbung scheint schon nicht mehr zu schleichen - sie paradiert geradezu im Stechschritt an uns vorbei. Dieser Text würde jedem Werbeflyer der Münchner Biobäckerkette gut zu Gesicht stehen. Wir erfahren die hauseigenen Brotnamen, Expansionsstrategien der Pfisterei und die Geheimnisse des guten Brotgeschmacks. Ein einziges Sätzchen über die Berliner Bäckerei Märkisches Landbrot soll hier wohl so etwas wie journalistische Ausgewogenheit vortäuschen, taugt bei dem voluminösen DreiVierspalter mitsamt Bild jedoch nicht einmal als Feigenblättchen.

Ist das nun ein gekaufter Artikel - faktisch also Reklame (dann gehörte ein kleines "Anzeige" über den Artikel)? Die Berliner Zeitung fiel mir in der Richtung übrigens schon mal unangenehm auf. Oder hat den aus Bayern stammenden Schreiber einfach die Begeisterung, fern der Heimat wirklich gutes Brot zu finden, die journalistische Distanz vergessen lassen? Durchaus vorstellbar, wenn man sich die Masse der Berliner Bäcker und ihr liebloses Teig-Einerlei vor Augen führt. Da kann so ein Frankenlaib einem schon einen sonnige Tag bescheren.

Denn die Hofpfisterei hat nun wirklich keine Schleichwerbung nötig. Das Backwerk ist ausgezeichnet und über jeden Zweifel erhaben. Die Brezen sind einfach die besten ihrer Art, die ich bisher in dieser Stadt kaufen konnte. Rösch, aber nicht splitternd, saftig, aber nicht latschig, schön laugig. Das Brot: vollmundiger Sauerteig ohne Tadel - und auch noch aus Biomehl. Vergleichbares kenne ich nur von meinem Lieblingsbäcker in Leipzig, dem ich den ersten Artikel in diesem Blog widmete.

BäckerfiliaieDa geh ich rein und will immer ganz schnell wieder raus. Aber nur mit Gebackenem.

Einziger Wermutstropfen: die Preise. Rund vier Euro (+/- 20 Cent) für das Kilogramm machen unser täglich Brot zu einer nicht ganz billigen Angelegenheit. Es geht aber auch noch ein paar Euro teurer... Aber solange das Geld nicht ganz knapp ist, werde ich immer wieder mal auf dem Weg zur U8 an der Haltestelle Weinmeisterstraße in das kahle Bäckergeschäft huschen und köstliche Backwerk herausschleppen. Denn wie sagte ein kluger Mensch: Das Leben ist einfach zu kurz, um es mit schlechtem Essen zu vergeuden..

Hofpfisterei in Berlin-Mitte: Rosenthaler Straße 31, ca. 150 Meter vom Hackeschen Markt.

Samstag, 30. Mai 2009

Wieso man den Markt am Winterfeldtplatz zwei Jahre lang ignoriert

Nach dem heutigen Bummel über den größten Wochenmarkt Berlins (das behaupten Wikipedia und ein paar weitere Webseiten mit fast identischen Texten) frage ich mich das auch: Wie konnten wir diesen herrlichen Markt nur so lange links liegen lassen? Denn hier wurde ich von diesem Gefühl überwältigt, das mich regelmäßig auf südländischen Märkten befällt: Alles probieren und kaufen wollen, müssen, sollen, sich jedoch bei dem ganzen verlockenden Angebot nicht entscheiden können. An jeder Ecke duftet es anders, aber überall gut, locken ganze Käselaibe, Wurstberge, Gemüsehaufen, frische Fische und Kartoffelvielfalt.

Die wahrscheinlich kleinste Kaffeebar Berlins: Oblomovka Espresso braut im Laderaum eines italienischen Moped-Dreirads.

Kurz und knapp: Am Ende hatten wir Spargel, einen halben Ziegenkäse, ein paar interessante Kartoffeln und duftig-frischen Knoblauch im Einkaufsbeutel. Auch ein paar kostenlose Pflegetipps für meinen Granatapfel-Bonsai nahm ich mit nach Hause. Dieser, ein Geburtstagsgeschenk vom Vorjahr, stammt nämlich vom Winterfeldtmarkt. Der freundliche Zwergbaumzüchter war heute auch wieder vor Ort und gab gerne Auskunft.

Dem vielfältigten Imbissangebot widerstanden wir weitetsgehend. Dank eines ausgiebigen Frühstücks beschränkten uns auf frisch gepressten Orangensaft (1,50 Euro für 1/3 Liter) und einen Espresso (1,20 Euro) an einer mobilen Kaffeebar namens Oblomovka Espresso, gleich beim Bonsaimann um die Ecke.

Eine Frage, die mir bestimmt niemand beantworten kann: Weshalb haben Töpferstände auf Märkten nur entweder grob gearbeitete, hässlich glasierte Seifenschalen oder welche in Tierform im Angebot. Ich möchte meine Seife nicht auf Keramikfischen ablegen. Nein.

Dem Dialekt- und Sprachengewirr zufolge (Englisch, Bayrisch, Französisch, Pfälzisch, Schwäbisch, Italienisch) steht der Markt wohl als "Geheimtipp" in jedem Berlin-Reiseführer. Trotzdem: hingehen. Mittwoch und Samstag zwischen Nollendorfplatz und Hohenstaufen/Pallasstraße. Gut zu erreichen über U-Bahn Kleistpark oder U-Bahn Nollendorfplatz.


Größere Kartenansicht

Donnerstag, 28. Mai 2009

Fleischberg ist eben nicht alles

Mit dem Mittagsimbiss ist das so eine Sache. Eigentlich befindet sich mein Arbeitsplatz inmitten einer Art Fressiversum: der Hackesche Markt als Zentrum einer Mampfgalaxie, umkreist von Imbissbuden, Tapasbars so groß wie der Leipziger Hauptbahnhof, Kaffeeröstern, Asiaschuppen. An den Verkehrswegen zum touristischen Schwerkraftzentrum: gigantische Dönerspieße, Pizza im Dutzend und Bäckerketten. Richtig gut finde ich bisher allerdings nur eine kleine Osteria, deren Standort ich aber (noch) nicht verrate.

Imbissstand Carnivore am Hackeschen MarktFür Tierliebhaber - Wraps satt ab vier Euro am Hackeschen Markt.

Am DienstagSamstag und Donnerstag steht dort, schräg gegenüber den Hackeschen Höfen, ein bonbonfarbener Imbissstand. Ich muss zugeben, dass mich der Name hinlockte. "Carnivore", Fleischfresser, heißt die Bude. Und das Sortiment hat folgerichtig eine Hauptzutat: Fleisch. Riesige Schweinekrustenbraten, Hähnchen Thai, Hähnchenschnitzel, Hähnchen in Honig, Hähnchen mariniert. Ein jung-dynamisches, multinationales Team säbelt diese in riesige Stücke und faltet sie in wagenradgroße Teigfladen. Weitere Bestandteile sind Salat, auf Wunsch Backkartoffeln ( + 50 Cent) , süße Chili- oder BBQ-Soße (und vielleicht noch andere, ich weiß nicht mehr) und Mayonnaise. Klingt lecker, nicht wahr?

Wrap mit SchweinebratenSuchbild: Salat, Soße und Schweinebraten. Aber wo ist der Geschmack?

Mein erster Versuch: ein "Hot Meat 30 cm Wrap" (4 Euro) mit in Honig mariniertem Hühnchen und Barbecuesoße. Braun, süß und klebrig durchtränkt sie zusammen mit der Mayo den Fladen. Doch wo ist die Würze? Das frage ich mich auch beim wabbeligen Honighuhn (ohne Knochen), das fast ohne Eigengeschmack auskommt, dafür kräftig saftet. Die Füllgarnitur aus Eisbergsalat hinterlässt keinen weiteren Eindruck. Hätte ich mal den Schweinebraten genommen. Den mit der verlockenden braunen Kruste.

Ein paar Wochen später treibt mich die Mittagspause wieder zu den Fleischfressern. Diesmal ordere ich für mein "Hot Meat 30 cm Wrap" beherzt den Schweinebraten und bekomme eine fast zentimeterdicke Scheibe zurechtgeschnitten. Als Würze wähle ich die süße Chilisoße und Mayonnaise.

Nach zirka zehn Minuten raubtierhaftem Reißen an der Bratenscheibe und heldenhaftem Ausweichen vor herumspritzenden Soßenkaskaden werde ich in Zukunft meinen Imbiss wieder woanders einnehmen. Wo man keine Angst vor auch geruchlich markanten Zutaten wie Zwiebeln, Knoblauch, Salz und Gewürzen hat. Mit der Hauptgeschmacksrichtung "Süß" kann ich mich einfach nicht anfreunden. Und weniger ist halt doch manchmal mehr. Weniger Masse - mehr Klasse. Mal sehen, was das Fressiversum für Alternativen an leckeren Kleinigkeiten bietet.

Sonntag, 17. Mai 2009

Tiere sehen uns an, sind uns fremd. Heute: Der Kalmar

ganze KalmareDiese Augen!

Ganze Tiere im Topf oder auf dem Teller sind ja immer so eine Sache. Ganze Hühner, Kaninchen, Wachteln oder die Forelle blau – Tiere sehen dich an. Kalmare haben ja nun beileibe keinen Niedlichkeitsfaktor für sich, keine Erinnerungen an Puschelfell, rosa zitternde Nasen und freundliches Gegacker, sondern den Alienfaktor. In den Tiefen der Straße von Gibraltar sollen sie in Mengen leben, ein Gewimmel von amorphen Armen, Beinen, Saugnäpfen und überdimensionierten silbergrauen Augen. In der Küche scheint die beliebteste Zubereitungsart das Fritieren zu sein, meistens nur der Körper als „Tintenfischringe im Backteig“, die so sauber und weiß gar nicht mehr an Tiefsee-Aliens erinnern.

Wer es also nicht ertragen kann, dass ihn das Essen ansieht, bevor es im Topf landet, und wer die Konfrontation mit merkwürdigem milchigen Schleim scheut, sollte fertig geputzte Tintenfischtuben kaufen bzw. bei zartbesaiteten Gästen rechtzeitig vorbereiten, nicht dass der Besuch am Küchentisch sitzt und womöglich in Ohnmacht fällt. Ansonsten ist das Ausnehmen einfach: Kopfteil (Auge und Arme) vom Körper ziehen, dabei kommt schon ein Großteil der Eingeweide (milchiger Schleim) mit. Körper sorgfältig ausspülen und das Kalkskelett, einen an steife Plastikfolie erinnernden durchsichtigen Streifen, herausziehen. Eventuell die gefleckte Haut vom Körper abziehen, Körper in Ringe schneiden. Arme nahe am Kopf abschneiden, kontrollieren ob auch nichts von dem harten Schnabel des Tieres mitgekommen ist und auch von den Armen eventuell die Haut abpulen.

TintenfischstückeSo sehen sie schon manierlicher aus

„Betrunkener Kalmar“, Kalmare mit schwarzen Oliven in Rotwein (nach Ghillie Basan, Die klassische türkische Küche, München 1998)

800g Kalmarringe und -arme
1 große Zwiebel, in Ringe geschnitten (am besten eine rote)
2 Knoblauchzehen, gehackt
3 Eßlöffel Olivenöl
3 Eßlöffel schwarze Oliven, halbiert
½ Teelöffel gemahlener Zimt
1 großes Glas kräftiger Rotwein (etwa 200ml)
Salz, Pfeffer, eventuell eine Prise Zucker
gehackte Petersilie

Olivenöl erhitzen, Zwiebelringe und Knoblauch andünsten, auf volle Hitze stellen und die Kalmarteile anbraten. Oliven, Zimt, Rotwein dazugeben und etwa 40 Minuten bei kleiner Hitze köcheln lassen. Mit Salz, Pfeffer und eventuell Zucker abschmecken, etwas grob gehackte glatte Petersilie unterrühren.

geschmorter Kalmar in RotweinWie immer bei Schmorgerichten sieht das Ergebnis nicht sonderlich spektakulär aus.

Die schwarzen Oliven bringen je nach Sorte eine mehr oder weniger starke Bitternote an das Gericht. Als Beilage passt am besten Weißbrot, wir haben aber auch schon Reste am nächsten Tag aufgewärmt und breite Bandnudeln darin geschwenkt. Vermutlich könnte man die geschmorten Kalmare als Vorspeise auch gut lauwarm servieren.

Montag, 27. April 2009

Heute bleibt die Küche kalt

... aber wir gehen nicht in den Wienerwald, nein, wir gehen in den Supermarkt um die Ecke und kaufen uns eine 300 g-Packung Matjesfilets in Öl ohne Firlefanz, die keineswegs teuer sein muss (gibt's schon für einen Euro). Denn viel zu oft vergesse ich diese Delikatesse und dass man sie so einfach zu einem leckeren Essen verarbeiten kann. Ursprünglich hatte ich ja starke Vorbehalte gegenüber dieser in der Regel brutal versalzenen Fertigfischware. Dann bekam ich aber mit, dass selbst meine Bekannten in der selbsternannten deutschen Matjeshauptstadt Glückstadt (mit jährlich stattfindenden Festwochen) ihre Filets beim Discounter kaufen und daraus herrliche Dinge zaubern - und das nicht nur in der Saison (Mai/Juni).


Der Trick liegt also weniger in der Qualität der Ausgangsware als in ihrer Bearbeitung. Und die besteht primär aus dem Entsalzen. Ein wenig Zeit sollte man also einplanen, um die vier bis fünf jung dahingeschiedenen Fischlein (das Öl aus der Packung kann man getrost dem Abfluss übereignen) zweimal jeweils zwei bis drei Stunden (ggf. auch mehr) in kaltem Wasser baden zu lassen, das dann abgegossen wird. Dann werden sie ordentlich getrocknet (mit Sieb atropfen lassen und/oder mit Küchenpapier abtupfen), kleingeschnitten und können zu mannigfaltigen Salaten verarbeitet werden. Meine Spar- und trotzdem Lieblingsversion beinhaltet noch Folgendes (für eine egoistische Person):

1/2 Päckchen Sahne
ein halber, nicht allzu süßer Apfel
eine halbe große Zwiebel
eine große saure Gurke
Pfeffer
Paprikapulver (rosenscharf)

Die Zwiebel wird in dünne Ringe geschnitten, der geschälte und entkernte Apfel und die Gurke verarbeite ich zu kleinen Würfeln mit ca. 1 cm Kantenlänge. Das alles wird zusammen mit den Matjesstücken, der Sahne und den Gewürzen in eine Schüssel gegeben, verrührt und mit Folie abgedeckt. Ein kleiner Schuss Knoblauchöl schadet auch nicht. Das Gemisch wird bei niedriger Zimmertemperatur noch einmal mindestens vier Stunden stehen gelassen. Je länger es durchzieht, desto besser schmeckt das Endergebnis. (Aber nach spätestens nach einem halben Tag ab damit in den Kühlschrank!) Zwischendurch kann man hin und wieder noch einmal nachrühren.


Das Ergebnis kann man dann gerade in warmen Jahreszeiten hervorragend mit frischem dunklen Brot oder jahreszeitlich passenden Pellkartoffeln verspeisen. Als Getränk drängt sich dazu ein herbes norddeutsches Bier (Jever oder Flensburger) nahezu auf. Das Gericht hat den Vorteil, dass Aufwand und Fehlerrisiko minimal sind. Allerdings sollte man am Tag der Zubereitung zu Hause sein, um immer mal wieder einen kleinen Arbeitsgang einzuschieben. Dabei wächst dann gleichzeitig die Vorfreude auf's Essen.

Montag, 13. April 2009

Tour de Melange

Dass ausgerechnet in der Woche, für die meine reizende Begleitung und ich unsere kleine Wien-Flucht geplant hatten, plötzlich der Frühsommer ausbrechen sollte, konnten wir nicht ahnen. Aber beschwert haben wir uns auch nicht drüber, auch wenn unser Kernziel davon weitgehend unberührt blieb - eine kleine "Tour de Melange", also ein Streifzug durch die Kaffeehäuser. Dies schien uns angebracht angesichts der Tatsache, dass wir mit Leipzig aus einer Stadt kommen, die mit ihrer Kaffeekultur wirbt, obwohl sie genau genommen keine hat. Das gilt sowohl für die Getränke als auch für die Örtlichkeiten, in denen sie gereicht werden. Nun wollten wir testen, ob es sich an der Donau ebenso verhält.

Doch nicht nach den Prachthäusern stand uns der Sinn. Um Sacher, Demel, Central, Griensteidel & Co. machten wir einen Bogen - die sind so intensiv von Touristen frequentiert, dass man nicht fürchten muss, dass sie beim nächsten Wienbesuch nicht mehr existieren. Stattdessen pickten wir uns jene heraus, die wenn schon nicht von der Schließung, so zumindest von einer Renovierung bedroht sind. Stilvoll gekleidete Kellner mit Frack und Fliege findet man schließlich nicht nur im Dunstkreis der Hofburg. Sitzplätze waren auch nie das Problem, da das breite Touristenvolk sich vorzugsweise draußen unter einem Schirm grillte. Darauf verzichteten wir dankend, denn die Schirme sahen auch nicht anders aus als in Wuppertal oder Anklam. Über die Preise schweigen wir uns hier dezent aus; im Urlab schaut man da ja gerne einmal drüberweg.


1.) Unsere erste Station, das Sperl (seit 1880, Gumpendorfer Straße 11), passt zugegebenermaßen nicht in die Beschreibung von eben. Es liegt zwar nicht im 1. Bezirk, aber an einer belebten Straße und fehlt in kaum einem Touristenführer. Unser (ja, wir gestehen!) Baedeker behauptete aber, dass man dort die beste Melange Wiens serviert bekomme. Die Tatsache, dass dort Jugenstil-Arichtektenikone Josef Olbrich und Konsorten die Sezession aus der Taufe hoben, war der letzte Anstoß, diese Behauptung zu verifizieren. Nun, wir können unserem Büchlein nicht widersprechen: Besseren Kaffee tranken wir in vier Tagen Wien nirgendwo. Die Attraktivität erhöhen neben den hohen, stuckverzierten Wänden und Decken die trotzdem sympathisch durchgesessenen Sitzecken am Fenster sowie die grandiosen Kuchen. Meine Begleitung seufzte leise bei jedem Biss in ihren Nusskuchen (Sperl-Schnitte - eine exklusive Kreation des Hauses), ich delektierte mich an einem ebenso guten Topfenkuchen (die Salzburger Topfenschnitte war leider aus).

2.) Auch unsere zweite Station gewinnt mit Sicherheit keinen Originalitätspreis. Das Hawelka (seit 1939, Dorotheergasse 6) ist vielen ein Begriff und hat sich mir u.a. durch den wunderbaren Satz eingeprägt: "Wenn ich nicht zu Hause bin, bin ich im Hawelka; wenn ich nicht im Hawelka bin, bin ich auf dem Weg ins Hawelka." Aber das angeblich einzigartige Klima hätte man dann doch gern persönlich eingeatmet, zumal die Luft dereinst auch der hoch geschätzte H.C. Artmann verdickte.


Die Anmerkung, dass die Innengestaltung ein Adolf-Loos-Schüler besorgt hat, weckt falsche Hoffnungen. Mit Jugendstil hat das Interieur nichts zu tun, vielmehr regiert hier die Einrichtung der Hochphase, die nun auch schon wieder 50 Jahre zurückliegt. Es ist dunkel, eng und stickig, die Wände sind zerkratzt und trotzdem entsteht der sympathische Eindruck, man habe es hier mit einem Originalschauplatz zu tun. Zumindest die Besitzer und einige Stammgäste geben einem die schöne Illusion, man schaue dem "normalen" Leben zu, wie es sich seit Jahrzehnten abspielt. Die Melange war hingegen keine Großtat und auch die Gäste am Nebentisch, die fragten, ob man denn Kaffee habe, erdeten einen schnell wieder. Trotzdem ein Ort zur Wiederkehr, zumal wir die angeblich legendären Buchteln nicht probiert haben.

3.) In keinem Wien-Führer fand ich hingegen das Café Schottenring (seit 1879, Schottenring 19). Das entdeckte ich im Herbst zufällig auf einer Dienstreise und es sah so einladend aus, dass ich es von innen sehen musste. Es ist das Gegenprogramm zum Hawelka - mondän, großräumig, glanzvoll, mit leichter Tendenz zum Kitsch (was z.B. die Achtziger-Improvisationen auf dem Flügel angeht). Außerdem schleicht sich hier mit W-LAN, Surfstation und Kartenständern dezent die Gegenwart ein. Das Café konnte als eines von wenigen der einst fast 30 Kaffeehäuser am Ring überleben.


Viel Licht lädt zum intensiven Studium des umfangreichen Zeitungsangebots ein. Also fanden wir uns mit der aktuellen "Volltext" (die nicht mal in der DNB gesammelt wird), einem Einspänner (Mokka mit viel Sahne und etwas Zucker) und einem Kapuziner (Mokka mit etwas Sahne) an einem Fensterplatz wieder und glotzten abwechselnd auf die vierspurige Rennstrecke vor dem Café und die schmucke Einrichtung. Meine zauberhafte Begleitung aß sich an einem "Mohr im Hemd" (Schokokuchen in einem See aus dunker Schokosoße, umringt von Sahneschnurpsern) pappsatt, gegen die mein Butterkipferl nicht anstinken konnte - ein schlichtes, recht trockenes Croissant. Der Neid war also recht einseitig verteilt. Irgendwie hatten wir den Eindruck, dass wir trotz des Klaviergedudels noch länger dort versumpfen könnten. Aber es lockte ja Station vier.

4.) Das Café Westend (seit ca. 1900, Mariahilfer Straße 128) gegenüber dem Westbahnhof hatte meine Mittesterin vor Jahren in einem kalten Winter für sich entdeckt und seitdem für die sympathisch verranzte Einrichtung geschwärmt. Weil wir abends noch etwas essen wollten, beschlossen wir dieses Kaffeehaus zur Nahrungsaufnahme zu missbrauchen. Das bot sich an, da der Gehweg vor dem Eingang von etlichen mehrsprachigen Tafeln gesäumt ist, die vor allem zum Essen einladen.

Nach dem Eintreten entpuppte sich das Lokal als wesentlich größer, als es von außen wirkt. Auch die Drolligkeiten der Einrichtung bemerkt man erst, wenn man drin sitzt - die klassische Stuck-Einrichtung (die irgendwie künstlich wirkt) reicht nur bis 2 m über dem Boden, dann bekommen die Wände auf einmal einen Fünfziger-Einschlag. Das passt hinten und vorne nicht und hat somit etwas Sympathisches. Dass wir keinen Kaffee tranken, wurde prompt bestraft - das Bier (Name entfallen) war nicht nur teuer, sondern auch noch dünner als das ohenhin schon sehr sanfte Ottakringer aus dem Stadtbezirk nebenan. Auf der Karte bietet die Familie, die das Café-Restaurant betreibt, mit auffällig größem Russisch-Anteil etliche Speisen an, die nicht zwingend wienerisch und ebenso wenig billig sind. Wir pickten uns mit Spinatnockerln und Käsespätzle zwei vermeintliche Relikte mit fragmentarischem Lokalkolorit heraus. Sie mundeten, wenn sie auch nicht zu den kulinarischen Höhepunkten unseres Aufenthalts gehörten. Ebenso irritierend war es, unkommentiert einen - weder bestellten noch kostenlosen - Brotkorb auf den Tisch gepackt zu bekommen. Diese Methode der Touri-Abzocke kannte ich bisher nur aus Prag. Sollte der schlechte Brauch etwa südwärts um sich greifen?

Kulinarischer Bonus:

Für Gaumenkitzel waren (neben den obligatorischen Würschtlbuden) andere Orte im 15. Bezirk zuständig, die eigentlich eigene Artikel verdient hätten. Da wäre zum einen das knackend volle, zugequalmte Hawidere (Ullmannstraße 31), in dem man die Wartezeit auf die etwas verpeilte Bedienung prima mit dem Studium der Einrichtung überbrücken kann, die schon eine halbe Kunstausstellung ist. Dazu hat die Kneipe mit hellem (!) Kozel vom Fass und etlichen Öko-, Bio- und Veggie-Sachen eine spannende große Karte, die man gerne durchtesten würde. Dafür, dass das Nationalteam nebenbei auf dem Bildschirm seit Äonen mal wieder ein wichtiges Spiel gewann, kann man die Besatzung wohl nicht verantwortlich machen.

Ununterbrochen zu bejubeln ist wiederum die leider viel zu leere Hollerei (Hollergasse 9). Vielleicht etwas zu modern-schick (also ungemütlich) eingerichtet, liefert sie jede Woche eine neue kleine, aber feine sowie völlig fleischfreie Karte, die auch Nicht-Veggies den Geifer tropfen lässt. Der Kram schmeckt auch noch exorbitant gut und wer dazu noch (wie wir) im Besitz der "Vienna Card" ist, dem verbreitert sich das Dauergrinsen noch beim abschließenden Bezahlen.

Wien, wir kommen wieder!

Montag, 6. April 2009

Nikolausi



"[...] nein, das ist nicht Nikolausi, das ist Osterhasi [...] Osterhasi, verstanden, Oster-ha-si!!!"

Wer hat denn da mal wieder nicht aufgepasst?

Lebkucheneier heute fotografiert bei Plus. Und die Produktentwicklungsabteilung von Lambertz hört sich bitte noch einmal Gerhard Polt an, und wenn ich danach noch ein einziges "Nikolausi" höre, dann...

Sonntag, 29. März 2009

Wenn Deutschland Dänemark wäre,

dann gäbe es mit Sicherheit mehr so wunderbare kleine Imbissläden der Art, wie ich ihn heute in der Golzstraße in Schöneberg entdeckte. Der Hot Dog Laden verkauft Hotdogs, Hotdogs und Hotdogs. Mit Chili und Mais, mit Kraut, französisch, vegetarisch und mit Käse. Aber natürlich auch klassisch dänisch: Würstchen, Zwiebel (geröstet und frisch), süß-saure Gurken und Remouladensauce. Hunger hatte ich zwar keinen, aber dem Ruf des langen Brötchens konnte ich diesmal nicht widerstehen.

Hot Dog auf dänische ArtAchtung Kleckergefahr: Hot Dogs nach dänischer Art

Wie so oft steckt wohl wieder eine Kindheitserinnerung dahinter: in der Fürther Fußgängerzone gab es vor Jahren einen kleinen Straßenverkauf, wo ein stets ausgesprochen mürrischer Schnauzbartträger Hot Dogs über die Theke reichte. Diesem Mann gab ich über lange Zeit einen Großteil meines mickrigen Taschengelds, damit er mir köstliche Weichbrötchen mit Wurstfüllung, Röstzwiebeln und scharfer Soße aushändigte. Doch das ist Geschichte. Zuletzt kostete ich die unerhebliche Massenware vom blaugelben Möbelhaus, die Heißen Hunde im Dänemarkurlaub blieben nach meiner jetzigen Erinnerung deutlich hinterm dortigen Smørrebrød zurück. Der Schöneberger Hot Dog aber ist ein echter Volltreffer - frisch, liebevoll zusammengestellt und vollmundig-soßig. Viermal happs gemacht, weg war er. Wasabi war ein bisschen fassungslos über meinen Appetit auf das Zeug.

Sie hatte die leckere Burger-/Döner-/Currywurst-Alternative nur für das Foto gehalten (wollte ja keinen eigenen, trotz mehrmaliger Nachfrage). Pech, kann ich da nur sagen. Die Wiener sind übrigens aus Neulandfleisch, damit zwar nicht so rosa wie die Pølser unserer skandinavischen Nachbarn, aber vermutlich ein bisschen gesünder. Zumindest vor dessen Ableben für das tote Schwein, das im Würstchen steckt, vertraut man den Neuland-Erzeugern.

2,20 Euro kostete mein Imbiss und während ich diese Zeilen tippe, schmecke ich noch immer eine Ahnung von Mayonaise und Zwiebel auf der Zunge. Wenn ich den Buchläden in der Winterfeldstraße demnächst einen Besuch abstatte, wird ein Abstecher in die Golzstraße 15 wohl unvermeidbar sein.

Der Hot Dog Laden, Berlin SchönebergGelb wie Remoulade, rot wie Wiener Würstchen: ein Hot Dog-Imbiss zum Anbeißen.

Montag, 9. März 2009

Schlittenhunde müssen draußen bleiben



Vor ein paar Wochen gabs ein bißchen was zu feiern, und so nutzten GutesEssen und ich die Gelegenheit, zum ersten Mal seit längerer Zeit mal wieder etwas ausgedehnter zu tafeln. In den letzten Monaten hatten wir uns sowas nämlich gar nicht mehr gegönnt, was wohl einer Kombination aus Minusgraden, Erkältungen und ganz allgemein dem Wunsch, das heimische Sofa nicht zu verlassen, geschuldet war.

Über das Nansen (ohne Webseite) am Maybachufer 39, am Anfang der Nansenstraße im jetzt ja totaaaal angesagten Nord-Neukölln, einer Neueröffnung des Jahres 2008, gab es in der Berliner Gastropresse schon einiges Gutes zu lesen. Vor allem die täglich wechselnde Karte und dass der Koch auch vor Innereien nicht zurückschreckt, ließen uns aufhorchen. Natürlich nicht nur uns – zumindest am Samstag sollte man vorsichtshalber reservieren. Das hatten wir am Freitag versäumt, enterten daher das Lokal, das um 18.00 Uhr öffnet, vorsichtshalber schon eine halbe Stunde später und hatten noch fast freie Auswahl in dem kahlen, aber schummerig beleuchteten Raum rechts des Eingangs. Der Bereich links vor der Bar wird anscheinend als nicht ganz regelkonformer Raucherbereich genutzt. Eine Abtrennung gibt es zwar nicht, aber der Rauch zieht glücklicherweise fast gar nicht in den Restaurantteil rüber.

Die freundliche Bedienung brachte die Speisekarte – ein per Hand beschriftetes und fotokopiertes DinA4-Blatt mit zwei Vorspeisen, einer Suppe, fünf Hauptgerichten und zwei Desserts – und die Getränkekarte, eine fast quadratische, schon ziemlich lädierte Klappkarte mit eingelegten losen Blättern. Die Getränke haben angenehm niedrige Preise: ein kleines Bier kostet 1,90, eine kleine Apfelschorle 1,60. Außer den üblichen Verdächtigen gibt es auch noch eine schöne Cocktailauswahl (um die 6 Euro). Auf die kleine Weinkarte warf ich nur einen ganz kurzen Blick, sie enthält nur sehr spärliche Informationen zu den Weinen, die fast alle auch glasweise zu haben sind und kann daher mit den Maßstäben, die vom Essen vorgegeben werden, nicht ganz mithalten.
Die Bestellung des Essens erforderte trotz der kleinen Auswahl etwas längere Bedenkzeit - Gänserillete oder Tintenfisch als Vorspeise? Und dann vegetarisch (Gebackene Rote Bete, Buchweizenpfannkuchen und noch etwas), oder Wild (Frischlingskeule) oder Kalbsleber, oder Fisch oder Geflügel? Die Bestellung des Desserts (Sorbet oder Zitronenpannacotta) verschoben wir vorsichtshalber auf später.

Nach der Bestellung kam sehr schnell ein Brotkorb und etwas Kräutercreme, und dann sehr bald auch die Vorspeise, gefüllte Tintenfischtuben mit warmen Blumenkohlsalat (7,80). Tintenfisch und Blumenkohl harmonierten sehr gut miteinander: die Tintenfischkörper mit ihrer milden, buttrigen Semmelbröselfüllung waren leicht angebraten worden und lagen in Scheiben geschnitten lauwarm auf dem Teller, die ankaramelisierten Blumenkohlröschen wurden von einer süß-saueren Soße mit körnigem Senf begleitet.

Währenddessen hatte sich das Lokal ganz gut gefüllt und die zwei Personen-Besatzung (ein Getränkezapfer und die Bedienung) hatte zunehmend Schwierigkeiten, mit den Bestellungen fertigzuwerden. Folgerichtig wurde mir beim Abtragen des leeren Vorspeisentellers auch das Besteck wieder in die Hand gedrückt, zur gefälligen Weiterbenutzung beim Hauptgang. Klar, neues Besteck wäre nochmal ein Weg hin-zurück gewesen, außerdem sterbe ich nicht, wenn ich mein Tintenfischmesser auch für die Leber benutzen muss (ja, es wäre sogar noch genügend Zeit gewesen, das Messer vor dem Hauptgang sauber zu lecken) - aber diese Gewohnheit (die des Besteck-Weiterbenutzens, nicht die des Messerableckens!) erinnert mich doch sehr an WG-Küche oder Familientisch, wenn kein Geschirrspüler vorhanden ist.

Nichtsdestotrotz waren die Hauptgerichte wunderbar. Gutesessens rosa gebratene Frischlingskeule (17,50) war eine Riesenportion, das Fleisch sehr ausdrucksstark mit Pfeffer und Sternanis gewürzt, dazu gabs Quittenchutney (auch mit Sternanis), Serviettenknödel und angeschmorten Radicchio mit dezidierter Bitternote. Meine Milchskalbsleber (15,20) kam in zwei Stücken - einem großen, flachen und einem ebenfalls großen, dicken - die dennoch beide genau richtig innen leicht rosa, außen leicht gebräunt waren. Gerade bei dem dicken Stück war ich zunächst etwas skeptisch, da nach meiner Erfahrung aus der heimischen Küche gebratene Kalbsleber höchstens 7mm dick sein darf, um noch einen angenehmen Biß zu haben. Aber Milchkalbsleber ist offensichtlich ein anderer Fall, bzw. hat das Nansen einfach einen besseren Kalbsleberlieferanten als ich. Zur Leber gab fast klassische Beilagen - nicht weiter bemerkenswerte Polentaschnitten, gedünstete Birnen und statt Zwiebelringen fritierten Lauch. Letzterer kam, da in der Küche vergessen, allerdings erst auf Nachfrage auf einem Extrateller.

Die Bestellung der Zitronenpanacotta (4,80) gegen 20.00 Uhr gestaltete sich dann etwas schwierig. Zwar galoppelte inzwischen eine weitere Bedienung durch den jetzt gut gefüllten Raum, die Aufmerksamkeit der Damen auf uns zu lenken gelang aber erst nach mehreren Anläufen. Da sich die Hektik der hart arbeitenden, hin- und hereilenden Servierdamen schließlich auch auf uns übertrug, verzichteten wir auf weitere Getränkewünsche, erkämpften nach der Pannacotta (erinnerte überraschend aber nicht uninteressant an Käsekuchenfüllung) die Rechnung und verließen mit dem Essen sehr zufrieden, aber leicht erschöpft das Lokal. Fazit: Wegen des Essens würde ich wieder hingehen, aber dann an einem Wochentag in der Hoffnung, dass die Atmosphäre etwas entspannter ist.

Montag, 2. März 2009

Wo man in Berlin essen sollte - und wo besser nicht

Oder präziser: Wo man in den vergangenen Monaten besser nicht gegessen hätte, das kann man seit heute zumindest für den Bezirk Pankow (zu dem auch Prenzlauer Berg gehört) ganz genau wissen. Das Lebensmittelaufsichtsamt Pankow stellt hier eine Liste der Gaststätten und Lebensmittelbetriebe zum Download bereit, bei denen gravierende Verstöße gegen Hygienevorschriften festgestellt wurden - mit allen ekeligen Details.

Kommentator Ulrich Paul findet in der Berliner Zeitung dieses Vorgehen des Bezirks überzogen - "Mehr Sicherheit gewinnen die Verbraucher damit nicht.", schreibt er. "Womöglich meiden sie sogar ein inzwischen aufgeräumtes Restaurant wegen des Internet-Hinweises und setzen sich dafür in ein anderes Lokal, das noch viel schlimmer verdreckt ist, aber noch nicht kontrolliert wurde."
Das ist wohl wahr - so eine Liste kann natürlich nie den Ist-Zustand in einem Lokal abbilden, und noch weniger Prognosen für die Zukunft abgeben. Aus der heimischen Küche weiß man ja, dass der Kampf gegen den Schmutz beständig geführt werden muss. "Bei denen da drüben siehts aber noch schlimmer aus, nur hat das gerade zufällig niemand gesehen!" ist allerdings kein Argument, das gegen die Veröffentlichung von Dreckschweinen spricht, sondern eher dafür, noch mehr zu kontrollieren als bisher.

Wie man liest, rüstet sich der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband schon für eine Klage. Wieso die Beschränkung auf nur einen Bezirk für die Dehoga laut Tagesspiegel eine "Wettbewerbsverzerrung" zu Ungunsten Pankower Betriebe bedeutet, erschließt sich mir nicht - weil der naive Lokalbesucher nun annehmen könnte, dass es nur in Pankow schmutzige Lokale gibt und lieber gleich nach Charlottenburg ausweicht? Überhaupt wehrt sich der Verband laut Tagesspiegel-Artikel auch mit Händen und Füßen gegen die Pankower Positivliste, auf die sich Betriebe setzen lassen können, die alle Vorschriften einhalten, da "ein Qualitätssiegel keine Aufgabe der Politik" sei. Na gut, und warum hat der Gaststättenverband dann nicht schon längst ein eigenes Qualitätssiegel mit transparenten Kriterien ins Leben gerufen? Immerhin haben wohl eine Menge Pankower Gastronomen den Werbewert des "Hygiene-Smileys" schon erkannt, laut aktueller Positiv-Liste (auch hier zu finden) gibt es derzeit etwa 60 Bewerber für diese Kennzeichnung.