Montag, 22. Dezember 2008

Soljanka unterm Weihnachtsbaum

Heiligabend rückt unaufhaltbar näher und die meisten Menschen müssen nicht darüber grübeln, was bei ihnen an den Festtagen auf den Tisch kommt - selten ist der Speiseplan so tradiert wie am 24.und 25. Dezember, wobei jeder seinen kleinen Privatkult veranstaltet. Die Grundregel ist meist, dass es Heiligabend "Armeleuteessen" gibt (in Brandenburg gerne Grünkohl oder Kartoffelsalat mit Würstchen) und am 1. Weihnachtsfeiertag ein dickes Geflügel auf den Tisch kommt.

Auf langes Drängeln von Wasabi hin präsentiere ich nun aus gegebenem Anlass das Rezept für unser traditionelles Familienessen am 24.12. - Soljanka. Den meisten Westdeutschen ist diese säuerliche Tomatensuppe bestenfalls als DDR-Resteverwertungs-Relikt geläufig, obwohl sie durchaus eine Delikatesse sein kann. In unserer Familie schrauben wir nun schon 40 Jahre an dem Rezept herum - seit meine Eltern in einer Studentenbude mit einer einzigen Gaskochstelle fertig werden mussten. Als Referenz an diese bescheidenen Anfänge liefere ich im Folgenden parallel eine Spar- und eine Gourmetversion. Die unterscheiden sich nur in den Zutaten und brauchen zwei Herdplatten. Ich kalkuliere auf etwa 8 Liter, damit man viele Gäste einladen und vor allem das Ganze mindestens dreimal aufwärmen muss. Dann gibt's den berühmten Witwe-Bolte-Sauerkraut-Effekt. Natürlich kann man auch 2 l machen und alles alleine aufessen.


Man nehme: 2-3 l Fleischbrühe (selbst gekocht oder aus Brühwürfeln, Fett nicht abschöpfen), 1 kg Tomaten (oder 4 400 ml-Büchsen geschälte Tomaten), 3 frische Paprikaschoten (oder 2 Gläser sauer eingelegte Paprika), 6-7 Kartoffeln, 1 Glas saure Gurken, 650 g Jagdwurst (ersetzbar durch Knacker, Kasseler oder - für Mutige - Fisch), 4 Zwiebeln, 3 Knoblauchzehen (auch die eingelegten aus den Paprikagläsern nutzbar) sowie zum Servieren 1 Becher saure Sahne. Als Gewürze eignen sich Majoran, Basilikum, Oregano, Pfeffer, rosenscharfer Paprika, Pfeffer, etwas Zucker, bei Vorhandensein einige einheimische Trockenpilze sowie zum Nachsäuern ggf. Zitrone oder Essig. Für eine Expressversion lassen sich Tomaten und Paprika durch 2 Gläser Letscho und einige Tomaten ersetzen.

Sodann schreiten wir zur Vollstreckung: Die Brühe wird erhitzt, dabei gibt man die gewürfelten Tomaten- und Paprikastücken dazu und lässt alles gut durchköcheln. Währenddessen werden Schritt für Schritt die weiteren Zutaten dazugegeben. Als nächstes sind die Kartoffeln dran. Während die kleingewürfelt im Topf garkochen, präparieren wir die Jagdwurst und die sauren Gurken. Erstere werden gewürfelt, zweitere in dünne Scheiben geschnitten und dann jeweils in der Pfanne in etwas Öl bei etwas mehr als Mittelhitze knackig gebrutzelt.


Die Jagdwurst ist fertig, wenn alle Flächen braun sind, die Gurken sollten ebenfalls eine leichte Brauntönung bekommen und etwas ihrer Säure verlieren. Beides wird in den Top gegeben und mitgeköchelt. Anschließend sind die Zwiebeln dran, die in Ringe geschnippelt und ebenso in der Pfanne gebräunt (oder je nach Geschmack nur glasiert) werden. Zum Schluss kommt der Knoblauch ungebraten (!) in den Topf sowie die Gewürze. Jetzt köchelt das Ganze erst einmal mindestens eine halbe Stunde bei niedriger Hitze abgedeckt vor sich hin und sieht etwa so aus:


Dann kann abgeschmeckt werden. Ich für meinen Teil will kein Gulasch produzieren, weshalb ich in der Regel noch etwas wässere und dabei nachsäuere. Dazu nehme ich nicht Zitrone, sondern Gurkenwasser. Das säuert nicht so stark wie Essig und lässt sich besser dosieren, außerdem würde es sonst ohnehin nur weggeschüttet werden. Das Säuern sollte nicht zu früh pasieren, weil sonst die Kartoffeln gallert werden. Stimmt die Mischung aus Fruchtigkeit, Salz, Säure, Schärfe und Gewürzen (das Abstimmen kann bei mir gerne mal eine halbe Stunde dauern), kann serviert werden.


Am besten kleckst man sich einen Teelöffel saure Sahne auf die Schüssel. Als Beilage eignen sich frische Brötchen, Baguette oder als Sparvariante geröstetes Toastbrot. Als Nachtisch schmeckt hervorragend - schließlich handelt es sich hier um ein vorgeblich ostslawisches Gericht - ein klarer Wodka aus dem Tiefkühlfach. Und dann die zweite Schüssel. Und so weiter.

Kommentare:

Gotorio hat gesagt…

Die Soljanka ist wirklich eine unterschätzte Spezialität. Traurig, dass sie auch langsam im Osten von den Speisekarten verschwindet. Vielleicht wird es Zeit für eine Bundestagspetition zur Rettung der Soljanka?

GutesEssen hat gesagt…

Noch 1994 hätte ich versucht, eine solche Petition zu verhindern. Denn damals kostete ich im "Eckcafé" der Uni Leipzig meine erste Soljanka überhaupt. Stundenlanges Aufstoßen und Sodbrennen waren die Folgen.
Inzwischen habe ich einige sehr positive Erfahrungen mit dieser Suppe gesammelt, und das sehr lecker klingende Rezept wird demnächst mal nachgeköchelt. Bin gespannt und würde heute eine Soljankapetiton tatkräftig unterstützen.

Adrian hat gesagt…

in meiner Küche in London duftet es gerade nach DDR...nicht das ich als geborener Karl-Marx-Städter die DDR vermissen würde, aber die Soljanka habe ich immer sehr gern gegessen (nicht in der HO-Gaststätte). Danke für die Anregung, hat grossen Spass gemacht das nachzukochen. Sehr lecker

Anonym hat gesagt…

Kann mir jemand sagen, wo man heutzutage noch solche schüsseln kaufen kann? als soljankaschüssel werden sie jedenfalls nicht bezeichnet, ich kenn allerdings keinen anderen begriff...
ich wäre euch sehr dankbar!

Eintopf hat gesagt…

Bei der abgebildeten Schüssel handelt es sich um eine zugegebenermaßen nicht sonderlich hübsche, knallgelbe Mikrowellen-Schale, die vor reichlich zehn Jahren mal in einem Set erworben wurde. Leider weiß ich nicht wo, und zweifle auch an, dass es es die noch irgendwo gibt. Ich würde aus äthetischen Gründen zum Verzehr sowieso eher eine größere, handgemachte blaue Schale aus Boleslawiec (Bunzlau), Bürgel oder Kohren-Sahlis empfehlen.

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